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Kurzgeschichten |
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1 Feu
sacre
2 Der Abschiedsbrief
3 Der Leuchtturm |
4
Wiedersehen
5 Vorabendgedanken
6 Sommertraum |
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7
Weg im Dunkel |
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Feu sacre
Noch lange
nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, sass sie mit verschlungenen
Händen auf dem Stuhl und blickte reglos vor sich hin. Einmal mehr war sie
ihrer Tochter die Antwort schuldig geblieben..
Wie in Zeitlupe stand sie auf und ging zum Fenster, lehnte die heisse
Stirn ans kühle Glas, und ihre Augen schweiften über die Herbstlandschaft,
die sich hügelabwärts bis hinunter zum See in ihren leuchtensten Farben
entfaltete. Aber sie sah sie nicht wirklich. Ihr Blick war tief nach innen
gerichtet, bis auf den Grund ihrer Seele. Zum hundertsten Mal stellte sich
sich die gleiche Frage, zum hundertsten Mal fand sie keine Antwort. Was
also hätte sie ihrer Tochter entgegnen sollen.
Die Begegnung
der letzten Nacht stieg in ihr auf, zauberte ein schmerzliches Lächeln auf
ihre Lippen und warf einen Hauch von Röte auf ihre Wangen. Sie legte die
linke Hand auf ihre Brust, und ihr war, als könnte sie die seine noch
immer dort spüren.
Als hätte jemand die Spule in den Projektor gelegt, begann der Film vor
ihr abzulaufen, und sie erinnerte sich an jedes kleinste Detail.
Sie hatte nach
langer Zeit wieder ihm am Tisch gegenüber gesessen, nervös, wie beim
ersten Mal. Brachte kaum ein Wort hervor und hätte doch soviel sagen
wollen. Ein Gedanke jagte den anderen wie Wolken am Sturmhimmel. Sie sah
nur seine Augen, seine Lippen, die Worte formten, sein Duft stieg ihr in
die Nase, umnebelten klares Denken. Fest grub sie die Fingernägel in ihre
Handballen, um zu verbergen, wie sehr ihre Hände zitterten. Vergebens...er
kannte sie durch und durch, ihm entging nicht die leiseste Regung. Über
den Tisch hinweg fasste er nach ihren Händen ,und um seinen Mund lag
dasselbe Lächeln, dass sie von jeher in seinen Bann zog.
Sie blieben
nicht sehr lange. Draussen auf dem Parkplatz wusste sie nicht, wie sie
Adieu sagen sollte. Ihre Blicke saugen sich aneinander fest, sein Mund
flüsterte, komm her, und eh sie etwas erwidern konnte, fühlte sie sich von
seinen Armen umfangen und verlor sich in einem langen Kuss. Erst sanft und
zärtlich, dann immer fordernder und leidenschaftlicher. Fast abrupt liess
er sie los, öffnete die Autotür und sie stieg wie in Trance ein. Der
schwarze Asphalt glitt m Eiltempo unter ihnen weg. Sie starrten beide
geradeaus durch die Windschutzscheibe, wortlos jetzt, und in ihrem Bauch
machte sich ein Kribbeln breit.
Immer noch
stumm schloss er die Haustür auf und drehte den Schlüssel hinter sich um.
Er nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und seine Frage war so leise,
dass sie sie nur erahnte. Sie schlang die Arme um seinen Hals, drückte
ihren Körper an seinen und langsam begann er sie zu küssen. Oh, sie wusste
so genau, wie es war, dieses Feuer, dass auf sie übergriff, das jede
Vernunft ausschaltete und nur noch nach Wasser lechzte! Er liess sie
brennen, küsste sie, spielte mit ihrem Körper. Seine Finger wanderten an
all die Stellen, die sie beide so gut kannten. Ihr Atem flog, sie
umschlang ihn, als wollte sie hineinkriechen in die tiefsten Höhlen seines
Seins. Sie bog sich ihm entgegen, gespannt wie eine Saite, und endlich,
endlich nahm er Besitz von ihr. Er trug sie von Woge zu Woge, stachelte
ihre Leidenschaft an, liess sie fühlen, wie sehr sie lebte hier und jetzt.
Ihre weit offenen Augen liessen sich für keine Sekunde los. Gleichzeitig
trieb die Lust sie dem Höhepunkt entgegen und entlud sich wie ein
Gewitterregen über der von der Hitze verbrannten Landschaft.
Schwer atmend,
auf schweissnassen Laken, mit ineinander verschlungenen Händen fanden sie
sich wieder in der Wirklichkeit. Was geschehen war, war geschehen, auf das
niemand das Warum solchen Begehrens begreife.
Spät nachts
brachte er sie zurück zu ihrem Wagen, der nun einsam und verlassen auf dem
leeren Parkplatz stand. Keiner fragte den andern nach dem nächsten Mal.
Keiner wollte eine Antwort , die er vielleicht nicht hören wollte. Sie
stieg ein und fuhr hinter ihm her bis er in die Richtung fuhr, aus der sie
eben gekommen waren. Seine Schlusslichter verloren sich im Dunkel der
Nacht, bis sie ganz verschwunden waren.
Sie stand immer noch am
Fenster, erwachte nur zögernd aus der Versunkenheit, während die Bilder
der bunten Herbstlandschaft draussen langsam in ihr Bewusstsein drangen.
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Der Abschiedsbrief |
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Ein
kalter,
grauer Novembertag, wie es so viele gibt in
London. Der feuchte Nebel kennt keine Rücksicht, er dringt durch
alle Kleider. Samantha empfindet ihn als klebrige, zudringliche Hand,
die ihren Körper betastet. Trotz später Stunde ist sie noch draussen.
Stumme Gewalt drängt sie durch das graue Einerlei, zwingt sie, schneller
zu laufen. Der Brief in ihrer Hand brennt. Sie muss ihn loswerden, bevor
sie es bereut. Sie stolpert, erreicht den Kasten. Ein dumpfer
Aufprall. Sam atmet auf. Lebwohl, denkt sie, lebwohl. Mein Weg wird nun
ein anderer sein.
Lange
liegt der Brief im Kasten. Er ist kalt und steif, so wie nun die Hand,
die ihn geschrieben. Lange liegt er da, bis eine hagere Hand ihn greift
und unbarmherzig seine weisse Hülle aufschlitzt. Er kann sich nicht
einmal wehren, als man ihm das Herz aus dem Leibe reisst, das Herz, ein
eng beschriebenes Blatt. Und ohne es zu wollen, muss er sein
Geheimnis offenbaren. - Und kalt und starr ist die Hand, die ihn
geschrieben.
"Es ist
gut, dass Du mich jetzt nicht fragen kannst, warum ich diese Zeilen
schreibe. Ich wüsste keine Antwort. Dieser Brief ist ein Monolg. Vergiss
ihn, verbrenn ihn, verstoss ihn, so wie mich! Frag nichts, denn ich
weiss, dass ich die Kraft zum Lügen nicht mehr habe. Spar Dir Dein
Mitleid. Ich will es nicht. Das ist das Ende. Du weisst es. Die
Vergangenheit nimmt mich ganz in Anspruch, ich lege ihr Rechenschaft
über die Gegenwart ab. Deutlicher als alles andere, empfinde ich das
graue Einerlei der Tage und die Mühe, die es kostet, der Welt zugewandt
zu bleiben, während das Herz oft beschliesst, sich zurückzuziehen. Du,
Du hast mich verlassen! Mein Leben verrinnt. Ich höre die Stille Deiner
Abwesenheit. Ich lausche auf sie., sie ängstigt mich nicht, sie
fasziniert mich. Ich habe keinerlei Verlangen, sie zu unterbrechen. Der
Schlaf wird kommen, in Hunderten von Nächten ist er gekommen, während
ich Deiner Abwesenheit lauschte. Diesmal aber wird es ein anderer sein.
An manchen Tagen weiss ich nicht mehr, ob Du Wirklichkeit gewesen bist.
Dieses Glück und diese Schönheit, hat es sie gegeben -sind sie unsere
tägliche Nahrung gewesen? Meine Gedanken weigern sich feste Gestalt
anzunehmen, sie fliegen über die Vergangenheit hinweg, meiden alle
Wichtigkeiten, verflüchtigen sich. Nur ein Traum und Asche sind mir
geblieben, was war, entgleitet, und ich sehe wie die viel berufene
Idealisierung eintritt. Ich sehe Dich und all das Glück. Die Wahrheit
verschwindet, vermischt sich mit dem Traum. An ihre Stelle tritt nun die
Verfälschung, jene Erinnerung, an der nichts Wirkliches mehr ist, das
meiner Vorstellung widerspricht. Strahlender denn je und ohne Falsch
ersteht Dein Bild in meinem Geiste. - So wird es auch Dir ergehen.
Immer, immer wieder. Suche meine Spur, reisse mich aus dem Dunkel, Du
findest mich nicht. Ich gehe, gehe wie ich gekommen bin, leise - leise.
Es gibt keinen Triumph, nicht für mich....
Die Hand lässt den Brief
sinken, krampft sich zusammen. Weiss treten die Knöchel hervor. - Die
Flammen im Kamin züngeln. Sie locken :" Komm doch, komm!" Der Brief
gleitet. Die Flammen umfangen ihn, liebkosen ihn, verschlingen ihn.
Blutrot sind sie, die Flammen, sie frohlocken, triumphieren...
Brennende
Augen starren ins Feuer. "Samantha, Samantah." Dahin die Worte, verweht
die Asche. Das Feuer geht aus, stirbt, die Glut verlöscht. Kalt und
dunkel ist die Welt und starr die Hand, die den Brief geschrieben.
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Der Leuchtturm |
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Weit weg von
der Küste Spaniens, schon zu den Balearen gehörend, gibt es eine kleine
Insel mit Namen Formentera. Heute ist sie ein Ferienziel für Touristen,
doch damals war sie nur spärlich bewohnt. Die Menschen lebten von der
mühsamen Salzgewinnung und der Fischerei.
Auf der
einen Seite gleitet Formentera sanft ins Meer, und weit dehnen sich die
silbernen Sandstrände. Am anderen Ende der Insel aber, auf dem Berge
Mola, steht hoch auf den Klippen ein alter Leuchtturm. Stille herrscht
um einen, nur der Wind singt sein leises Lied, begleitet vom Rauschender
Wellen, wenn man oben auf der Terrasse steht. Weit unten schillert das
Meer wie grüne Smaragde und deutlich zeichnen sich die Korallenriffe ab.
Auf der linken Seite erstreckt sich ein Arm von zerklüfteten, ewig vom
Wasser gepeitschten Felsen weit ins Meer hinaus. Der Gedanke, sich in
diese kühlen Fluten stürzen zu lassen, um für immer diesem Zauberreich
anzugehören, mag einem in mitten dieses Paradieses gar nicht mehr so
absurd erscheinen.
Dieses
Fleckchen Erde ist voller Romantik und Tragik, wenn man an die Legende
dieses verwitterten Turmes glaubt.
Auf der Insel erzählt man sich nämlich eine Geschichte, deren Ursprung
und Wahrheit niemand so genau kennt. Die Leute sind alt, Sonne und Wind
haben die Erinnerung verwischt, und der Turm, das Wahrzeichen der
Fischer, bleibt stumm.
Lange vor
dem ersten Weltkrieg, so sagt man, war der Turm bewohnt und wurde
bewacht von einer jungen Frau. Keiner wusste, woher sie stammte und
warum der Turm ihr Zuhause wurde. Die Fischer nannten sie
Virginia, die Jungfrau, denn niemand kannte ihren wahren Namen. Selten
nur liess sich die neue Wärterin unter den Menschen sehen. Man sagt
allerdings, sie soll sehr schön gewesen sein. Jung und kräftig, mit
Haar, blond wie Weizen und braungebrannt, wie die Insulaner. Ihr
Los war die Einsamkeit, die Arbeit auf dem Turm ihr Leben.
Doch eines
Tages, wie mit einem Blitz, der die nächtliche Landschaft erhellt, wurde
alles anders. Den zähen Pflanzen gleich, die lange unentdeckt bleiben,
aber während einer Regennacht plötzlich aufspriessen und den Weg
überwuchern, wuchs eine Liebe, dort, wo die Eintönigkeit des
gleichmässigen Tagesablaufs das Herz täuscht, es glauben macht, dass
sich nichts rühre, nichts entstehen könne.
Er hiess Paul und kam von der Küste Frankreichs. Von diesem Tag an sah
man Virginia niemals allein. Stundenlang streiften die beiden durch die
niedrigen, immergrünen Pinienwälder, erfrischten ihre heissen, von der
Sonne braungebrannten Körper im wogenden Meer. Und Nachts, wenn das
Mädchen ihr Licht übers Wasser blinken liess, wurde die kleine
Turmkammer zu ihrem Paradies.
Doch dann
brach der Krieg aus, wütete in der ganzen Welt, verwüstete Länder und
forderte Opfer. Da bekam auch Paul seinen Einrufungsbefehl und musste
die kleine Sonneninsel verlassen. Allein blieb Virginia zurück,
die Ungewissheit dessen, was geschehen würde, und die brennende
Sehnsucht in ihrem Herzen, liessen sie noch einsamer werden, als sie es
vorher war. Selten nur erhielt sie eine Nachricht, einen Brief vom
Geliebten über das Schreckliche, was er erlebte.
Eines Tages
brachte das Postschiff von Ibiza ihr sein letztes Vermächtnis, ein
kleines Päckchen mit einigen Andenken. Ein nie abgeschickter Brief, eine
abgeschabte, mit Papieren angefüllte Brieftasche, ein Talisman, eine
Armbanduhr mit zerbrochenem Glas, ein Feldtagebuch, ein Messer mit sechs
Klingen, eine Pfeife samt Tabaksbeutel und schliesslich eine Locke von
seinem schwarzen Haar.
Alles, was von ihrer Liebe, Ihrer Hoffnung und ihrer Zukunft geblieben
war.
Sturm wogte
draussen, und das tobende Meer warf seine schäumenden Wellen mit Gewalt,
als wolle es den Turm aus seiner Verankerung reissen, gegen die Klippen.
Bilder der Erinnerung stiegen in Virginia auf und Tränen verschleierten
ihren Blick. Der Wind riss an ihrem Goldhaar, Regen peitschte ihr
Gesicht, als sie, die wenigen Habseligkeiten ihres Geliebten fest an die
Brust gedrückt, auf die Terrasse trat. Mit Leichtigkeit schwang sie sich
über die schmale Brüstung. Ein Blitz erhellte für Sekunden die Nacht,
als die mächtigen Wogen ihren schmalen Leib verschlangen und an den
Klippen zerschellten.
Das ist die
Geschichte, die die Fischer auf Formentera so gern den Fremden erzählen,
und die einem das Herz mit Wehmut erfüllt, blickt man vom Turm hinunter
ins unschuldige Smaragdgrün des Meeres.
Dort hat Virginia ihr Grab gefunden, am Fuss des Korallenriffs, im
Paradies der Fische. Der Turm, einst Heimat ihres Glücks, ist ihr Kreuz,
das Symbol einer Liebe, mit der der Tod sie für immer vereinte.
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Wiedersehen |
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Avec le temps, tout s"en va
et on n"aime plus. - Er sah auf das Foto in seiner Hand und dachte an
den Sommer vor drei Jahren. Niemals - hatte er sich damals verteidigt.
Niemals! Wenn es Liebe ist, gibt es kein Ende! Die Zeit heilt keine
Wunden. Das ist nur eine barmherzige Lüge. Und jetzt?! Ausser einer
inneren Leere und dem Gefühl versagt zu haben, war nichts geblieben.
Arme Irina! Sie hatte es gewusst, aber er hatte ihr nicht glauben
wollen. Er hatte
sie auf Ibiza kennen gelernt, und gleich zu Anfang war sie ihm
aufgefallen. Vielleicht, weil er sich wunderte, dass sie allein war,
oder es war ganz einfach ihre Art zu lächeln, die ihn faszinierte.
Erst hatten sie nur miteinander getanzt, dann zusammen gegessen und
plötzlich waren sie unzertrennlich. Sie schwammen zusammen, sonnten sich
und alberten herum. Genossen eine Zeit, die so unbeschwert und leicht
schien, weit weg vom Alltag daheim.
Eines Abends blieb sie vor ihrer Zimmertür stehen. "Ich muss Dir etwas
sagen, Christian." - "Ja!?", er blickte auf sie herab. Da erzählte sie
ihm, dass es nur Zufall war, dass sie alleine hier war, dass zuhause ein
Freund auf sie wartete.
"Wenn ich zurückgehe musst du dies hier vergessen. Ich will dir nicht
weh tun und du musst selber entscheiden, ob du trotzdem heute Nacht bei
mir bleiben willst." - Sie schaute ihn mit offenen, ruhigen
Augen an, und er wusste, dass sie es ernst meinte. Er war geblieben -
nicht nur jene Nacht. Und mit jedem Mal wurde ihm bewusster, wie sehr er
sie liebte und wie sehr er auf ein Wunder hoffte. Doch sie würde gehen.
Der Gedanke schmerzte. Warum nur, warum?! War denn für sie alles nur ein
Spiel, war sie wirklich über jedes Gefühl erhaben? War er nur ein
billiger Zeitvertrieb? Mit einem Mal zweifelte er an ihr. Und trotzdem,
er wollte es weder glauben, noch hätte er aufhören können, sie zu
lieben.
Und dann war sie fort! Er
hörte noch ihre letzten Worte. " Du bedeutest mir viel, das musst Du mir
glauben, aber ich kann nicht anders, es ist zu spät." Oh, und wie er
glaubte! Er klammerte sich daran. Drei Jahre lang in denen er anfangs
fast verzweifelte, in denen er tagtäglich an sie dachte. Dauernd fragte
er sich, wo sie wohl sein mochte, ob sie glücklich war.
Aber schliesslich hatte sie doch recht behalten. Die Erinnerung begann
zu verblassen. Ihr Gesicht verwischte vor seinen Augen und irgendwann
hatte dann wohl auch seine Liebe aufgehört.....
Bis er sie heute morgen
wieder gesehen hatte! In der Stadt - im Park - allein, mit einem kleinen
Jungen an der Hand. Sie spazierte durch den frisch gefallenen Schnee und
lachte, wenn der Kleine auf seinen ungeschickten Beinen hinpurzelte.
Christian war nach Hause
gegangen und hatte ihr Bild hervorgesucht. Wie hatte er nur glauben
können, vergessen zu haben! Die Erinnerung war eben so frisch, als wäre
alles erst gestern geschehen! Alles war wieder da, ihr Lachen, ihre
Stimme, ihre zärtlichen Hände, ja selbst ihren Duft konnte er verspüren!
Er ging wieder in den Park am nächsten Tag. Und da waren die beiden! Sie
erkannte ihn sofort. Er dachte schon, sie würde davon laufen, aber dann
blieb sie doch stehen. Er reichte ihr die Hand. "Irina" und plötzlich
war alles so wie damals. Er bog sich zu dem Jungen hinunter. " Na, wer
bist denn du?!" Einen quälenden Augenblick lang blieb es ruhig. Und dann
- Irina wusste nicht, was sie bewog, ihr lang gehütetes Geheimnis
preiszugeben - holte sie tief Atem und sagte kaum hörbar:" Das ist dein
Sohn, Christian."
Ihm stockte der Atem. "Aber ....warum...." Sie schnitt ihm die Frage ab
und schüttelte den Kopf. " Es ist nicht so, wie du denkst. Es gab keinen
Grund, dir etwas zu sagen. Mein Freund und ich haben kurz nach meiner
Rückkehr geheiratet. Er wusste nichts von Dir und mir und freute sich
riesig auf das Baby. Warum also etwas zerstören?" - "Dann bist du also
verheiratet, Irina, das dacht ich mir schon..." Wieder unterbrach sie
ihn. Sie hielt den Kopf gesenkt und ihre Stimme zitterte " Mein Mann kam
vor acht Monaten bei einem Autounfall ums Leben."
Christian war
erschüttert. Er suchte nach Worten und fand keine. Er sah sie vor sich,
als das lustige Mädchen, das sie gewesen und nun war aus ihr eine reife,
stille Frau geworden.
"Hast du vergessen?", fragte er leise. Sie zeigte auf den Jungen. "Hätte
ich das gekonnt?" - Christian streckte die Hand aus. " Kommt nach Hause,
Irina."
Sie heirateten am
Weihnachtsmorgen in einer kleinen Kapelle draussen auf dem Land....
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Vorabendgedanken |
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Die Glocke schrillte und
weckte das Mädchen, das da im trüben Dämmerlicht in seinem Zimmer sass,
aus seinen Träumen auf. Langsam erhob sich Sybille und strich sich mit
einer müden Geste das Haar aus der Stirn. Ein Gedanke schoss ihr durch
den Kopf und war verflogen, noch eh sie ihn erfasst hatte.
"Guten Abend, Vera," sie öffnete der Freundin die Tür, "schön, dass du
mich heute nicht alleine lässt." - Wieder die Gedanken in ihrem Hirn.
Sie seufzte.
"Was ist mit dir, Sybille, du siehst so müde und nachdenklich aus. Ich
dachte, mich würde eine strahlende Frau erwarten, am Abend vor ihrem
grossen Tag. Du bekommst doch nicht etwa kalte Füsse?!" - Sybille
antwortete nicht. Erst als die beiden gemütlich beisammen sassen und
warmes Kerzenlicht das Zimmer erhellte, sah sie die Freundin an.
Sie hob die Augenbrauen etwas, so als müsse sie erst studieren, bevor
sie sprach. "Du hast ja recht, Vera, ich verstehe mich selbst nicht
mehr. Es kam alles so plötzlich und nun bleibt mir nichts mehr zu tun.
Es ist endgültig, ein Abschied für immer, von einem Teil meines Ichs.
Diese Endgültigkeit kann ich nicht begreifen." -
Vera lächelte Sybille zu:" Ja, ja, und wenn du erst verheiratet bist,
staunst du über deine Angst und der Himmel hängt voller Geigen." -
Abwehrend schüttelte die andere den Kopf. "Nein, ich habe keine Angst.
Ich weiss nur nicht mehr, ob ich das Richtige tue. Meine Träume und
Illusionen - wo sind sie geblieben?! Ich weiss, es ist kindisch, aber
man kann mich doch nicht einfach ändern. Ich kann nicht aus dieser Welt
heraus. Ich bin gefangen darin wie ein Vogel im Käfig. Verfolgt von
tausend Gedanken, nach einer Antwort suchend, die es nicht gibt."
Resigniert vergrub sie das Gesicht in den Händen. Lange Zeit blieb es
still, dann fragte Vera leise:" Meinst du damit, du machst einen Fehler
und lässt die Hochzeit platzen?!"
Sybille sah auf und zuckte
die Schultern. "Nein, es ist nicht das. Es ist - ich weiss nicht, ich
kann es nicht erklären. Vielleicht weil man sein ganzes Leben nach etwas
auf der Suche ist, das gar nicht existiert. Jene unbegründete Sehnsucht,
die in uns die Ahnung aufkommen lässt, dass da drin," sie machte eine
weit ausholende Gebärde, " irgendwo in der Tiefe, noch etwas verborgen
sein könnte! Was sind wir anderes, als Oberfläche?! Hast du je versucht,
die Decke wegzuziehen?! Jene innere Unrast, die mich treibt und treibt,
stärker als ich. Ich fühle, wie ich dem Ziel näher komme -
zugleich wissend, dass ich es nie erreichen werde. Verzweiflung packt
mich, ich hasse mich selber und möchte fort, einen Ausweg finden, anders
leben...." Sie brach ab und sah zu Vera herüber. "Verstehst du das - es
würde wieder beginnen, dort, wo es geendet hat. Rastlos, wie die Wellen
des Meeres, das Kreisen der Erde. Angesicht dessen bleibt mein Verstand
stumm. Ich weiss, ich tue vielleicht das Falsche und doch wähle ich
keinen anderen Weg. Ach, es tut mir leid, Vera, ich hätte nicht so
sprechen sollen. Es ist sinnlos jetzt."
"Ich glaube, ich weiss,
was du meinst," es war zum ersten Mal, dass Vera etwas entgegnete,
" die Vergangenheit - eine Erinnerung, die man aufzudecken versucht. Man
jagt ihr nach, da ist etwas, von dem man glaubt, es schon einmal erlebt
zu haben. Aber du kannst es nicht finden, es verflüchtigt sich immer
wieder, weit, so weit... Und dann stehst du da und versuchst krampfhaft
die Tatsache klar zu sehen, dich mit dem Gedanken abzufinden, dass du so
verworren und unrealistisch bist. Und im selben Moment kommt sie wieder,
jene vage Erinnerung, für die du keine Worte findest, sie auszudrücken.
Es tut weh und du weisst nicht einmal, warum. Es ist immer
das Gleiche und wenn es tausend mal andere Gestalt annimmt - immer
bleibt sie, die Frage, ob es das jetzt gewesen sein soll."
Lange nachdem Vera
gegangen war, lag Sybille noch wach im Bett. Sie lauschte der Stille.
Sie konnte das Echo ihrer eigenen Gedanken im Zimmer hören. Ihr
Pulsschlag raste, dröhnte in ihren Ohren wie Trommelwirbel. Von einer
Seite zur anderen wälzte sie sich. " Ich will nicht, ich will doch gar
nicht!" Bei diesem Gedanken zuckte sie zusammen. Plötzlich wurde ihr
bewusst, wie absurd das war. Natürlich wollte sie! Sie konnte sich
ein Leben ohne ihn doch gar nicht mehr vorstellen. Nicht diese Leere,
die bleiben würde....und doch - da war dieses Fieber, das sie nicht
losliess. "
"Morgen", dachte sie, in
einen unruhigen Schlaf gleitend, "morgen werde ich Ja sagen...."
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Sommertraum |
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Heute weiss
sie, dass es damals so hat sein sollen, heute, wo alles vorbei ist und
nur noch als wehmütige Erinnerung in Carla weiterlebt. Wenn sie jetzt
zurückdenkt, so ist sie weit davon entfernt, traurig zu
sein. Nein, vielmehr ist sie glücklich, diese Erfahrung überhaupt
gemacht zu haben.
Es begann
irgendwann einmal an einem wunderschönen Sommerabend. Traumverloren
schaute Carla in die blutrote Sonne, die langsam im grün schillernden
Meer versank und den Himmel glühen liess, bevor die Dämmerung
hereinbrach.
Als er auf sie zukam, erschien er ihr fast wie ein Märchenprinz aus
Tausend und einer Nacht. Schlank, gross und braungebrannt, mit dunklem
Haar - ein Mann, wie sie ihn immer erträumt hatte. Nun stand er
vor ihr!! Sie wechselten nur wenige Worte miteinander, aber beide hatten
sie das Gefühl, sich schon lange zu kennen.
Von diesem
Abend an sahen sie sich jeden Tag. Schon bald merkte Carla, dass er ihr
mehr bedeutete, als gut für sie war.
Oft machten sie lange Strandspaziergänge oder schwammen bis zur
Erschöpfung im Meer. Dann lagen sie lachend und scherzend im Sand. Nie
sprachen sie von Abschied, weil sie wussten, dass dies alles damit
unwiederbringlich vorbei sein würde. Robert war nicht der Mensch, der
Ferienbekanntschaften fortsetzte, und auch sie hatte nie viel von dieser
Art des sich Kennenlernens gehalten.
Sie waren
ganz einfach glücklich. Die heissen, sonnendurchglühten Tage gehörten
ihnen ebenso, wie die kühlen Nächte, in denen sie oft stundenlange
Gespräche führten. Manchmal lagen sie auch nur im Sand und schauten in
die ewigen Sterne. Ohne viel Worte verstanden sie sich. Ein sonderbares
Gefühl hatte von ihnen Besitz ergriffen. Ein Zustand zwischen Tag und
Traum, nicht wirklich, fern der Gegenwart, ähnlich einem Film, der in
ihnen ablief.
"Du hast
mich verzaubert", sagte Robert eines Tages zu ihr. "Kein Wunder", lachte
sie, "weisst du nicht, dass ich eine Hexe bin?" - Doch die Stunde,
wo er gehen würde, kam immer näher. Eine ungewisse Traurigkeit lag über
den letzten Tagen. Ein Wort von ihm hätte alles ändern können - doch er
sprach es nicht aus. Wozu auch... er würde in sein Leben zurückkehren
und für sie , Carla, war da kein Platz. Es gab keine Zukunft - nur
Gegenwart.
Und dann
eines Abends war es soweit. "Lebwohl, kleine Hexe, ich danke dir."
Es ging genauso zu Ende, wie es begonnen hatte, ungewiss und ohne viele
Worte. Hand in Hand wanderten sie dem Strand entlang - ein letztes Mal.
Dann standen sie sich stumm gegenüber. Carla schaute zu ihm auf und ihr
wurde bewusst, wenn alles vergessen sein würde, dieser Augenblick würde
ein Leben lang Bestand haben. In seinem Blick las sie das Begreifen
darum, dass es nicht anders sein konnte. Sie würden sich nie wieder
sehen. Monde und Jahre würden vergehen und auf immer vergangen
sein, aber dieser Moment würde ein Leben lang bestehen. Es war wie ein
Traum, und so empfand sie es auch. Weit ab von dem, was wirklich
geschehen war, verklang in der Ferne ein Lied von einem vergangenen
Sommer. Langsam rannen zwei Tränen über ihre Wangen. Dann wandte sie
sich ab und ging, ohne sich umzusehen, den Weg zurück.
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Weg im Dunkel |
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Brausend verklangen die
letzten Töne der Orgel, als Sven und seine jung Frau Elin die Kirche
verliessen. Auf der untersten Stufe strauchelte sie, und Sven musste sie
stützen, sonst wäre sie gestürzt. Dankbar sah sie zu ihm auf und ein
schmerzliches Lächeln verzerrte Elins schönen Mund. Sven drückte ihren
Arm und half ihr dann vorsorglich in den bereitstehenden Wagen.
Stunden später stand Elin
vor dem grossen Wandspiegel in dem pompösen Salon ihres neuen Heimes und
starrte mit blicklosen Augen ihr Spiegelbild an. - "Elin", es war ihr
Vater, der zärtlich ihren Namen rief. Heftig wandte sie sich zu ihm um.
" Bin ich nicht schön, Vater, ich, seit heute Gräfin Lehndorf und die
Frau, die Sven um alles in der Welt hat haben wollen? Nun hat er mich,
ha, und welch gute Wahl er doch getroffen hat!" Jäh erstarb ihre Stimme
und von wildem Schluchzen geschüttelt sank ihr Kopf gegen den Spiegel.
Da nahm Graf Larson seine Tochter tröstend in die Arme und führte sie
die geschwungene Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer. Den Elin, Gräfin
Lehndorf, war blind.
Zersplitterte Hoffnungen,
zerstörte Illusionen, das war alles, was ihr geblieben war. Seit jenem
Unfall, der ihr das Augenlicht geraubt hatte, erschien ihr alles
Erstrebenswerte verloren. Sie hatte auf das Glück verzichtet, weil sie
nicht wollte, dass der Mann, den sie über alles liebte , auf seine
Karriere verzichtete. Ihretwegen. Und dann war Sven da gewesen,
ein guter Freund ihres Vaters. Er hatte sie immer schon verehrt und wohl
auch ihr Vermögen. Es ermöglichte ihm, sein hoch verschuldetes
Märchenschloss nicht zu verlieren. Nein, aus Liebe hatte Elin bestimmt
nicht geheiratet, aber Sven gab ihr Ruhe und Geborgenheit und die
Möglichkeit ihren eigenen Weg zu finden. Sie wollte versuchen ihr
Studium als Pianistin wieder aufzunehmen. Sie war zwar blind, aber in
den schlanken Händen steckte noch immer die alte Kraft. Sie brauchte
keine Augen, um ihre Finger den Weg über die weissen Tasten finden zu
lassen und in ihrem leidenschaftlichen Spiel in eine andere Welt zu
tauchen.
Zehn. Jahre waren seit
damals vergangen. Aus Elin, Gräfin Lehndorf, war die berühmte
Konzertpianistin Elin Sörensen geworden. Die Welt lag ihr zu Füssen,
ihre Konzerte waren immer ausverkauft und das Publikum vergötterte sie.
Wenn sie zu spielen begann, wurde es still. Ergriffen lauschten die
Menschen ihrem kraftvollen Spiel, der Flut von Klängen, die unter ihren
feinen Händen entsprang. Dass Elin blind war, wusste die Öffentlichkeit
nicht und auch nicht, welche Energie es gekostet hatte, soweit zu
kommen.
Es hatte manchen verzweifelten Augenblick gegeben, wo Elin, mutlos
geworden, den Kampf beinahe aufgegeben hätte. Doch da war Sven gewesen,
der ihr kameradschaftlich zur Seite gestanden und ihr immer wieder Mut
gemacht hatte. Sie waren einander näher gekommen in diesen Jahren, aber
Liebe war nie daraus geworden und jeder hatte sein eigenes Leben.
Und dann spielte Elin zum
ersten Mal in München. Das Publikum war begeistert! Immer wieder musste
sich Elin vor dem Flügel verbeugen und tosender Beifall schlug ihr
entgegen. Der Applaus dauerte auch noch an, als sie schon längst in
ihrer Garderobe verschwunden war.
Nur ein Mann hatte sofort nach dem letzten Ton den Konzertsaal
verlassen. Der Mann, der da so erregt und aufgewühlt war, hiess Birger
von Merten. Der Name Elin Sörensen hatte eine alte Erinnerung in ihm
wachgerufen. Und als er diese Frau dann sah, gab es keine Zweifel mehr.
Die Pianistin war Elin, einst Komtess Larson, das Mädchen, dass er zu
seiner Frau hatte machen wollen. Elin, seine Elin! Die Vergangenheit
liess ihn nicht mehr los. Wahrend er durch das nächtliche München
streifte, stiegen Bilder längst vergangener Zeiten vor ihm auf und ein
Sturm von Gefühlen bemächtigte sich seiner.
Birger und Elin waren
Nachbarskinder gewesen. Schon als ganz kleine Knirpse waren sie
unzertrennlich gewesen. Sie wuchsen miteinander auf, besuchten die
gleichen Schulen und gestalteten gemeinsam ihre Freizeit. Erst sein
Studium als Zoologe trennte die beiden zum ersten Mal für längere Zeit.
Als Birger aus den USA zurückkehrte war aus Elin eine junge Frau
geworden. Aus der ehemaligen Freundschaft entstand eine tiefe,
aufrichtige Liebe.
Kurz vor Elins zweiundzwanzigstem Geburtstag reiste Birger nach
Afrika, um eine wichtige Forschungsarbeit seines Professors zu beenden.
Nach seiner Rückkehr in sechs Monaten wollten sie heiraten.
Und dann, nach einer längeren Schreibpause kam Elins Brief, nicht mal
von Hand geschrieben! Mit wenigen sachlichen Worten zerstörte sie alle
seine Träume von einer gemeinsamen Zukunft. Sie schrieb, sie hätte sich
in einen anderen verliebt, wolle bald heiraten und es sei das Beste,
wenn sie einander nie wieder sehen würden. Aus, vorbei! Was nützte es
ihm, dass sie ihn um Verzeihung bat und ihm viel Glück für die Zukunft
wünschte?! Mit Elin hatte er etwas verloren, was unwiederbringlich war.
Er war nie wieder heimgekehrt. Seine Forschungen hatten ihn von einem
Ende der Welt zum anderen getrieben. Ruhe hatte er nirgends finden
können. Bis zu dem Tag, als ihm Marianne begegnete. Sie wurde zum
ruhenden Pol in seinem hektischen Leben, eine Insel in tobenden Meer.
Langsam verebbte sein Schmerz und der Schleier des Vergessens senkte
sich über die Vergangenheit.
Und nun war er Elin
wieder begegnet! Dieser Augenblick schien die vergangenen Jahre
ausgelöscht zu haben. Er wollte sie sehen, sie sprechen, tausend Fragen
stellen. Alles andere war unwichtig. Meilenweit weg war Marianne in
dieser Nacht.
Am nächsten Abend sah man Birger wieder im Konzert. Anschliessend
versuchte er Elin in ihrer Garderobe zu besuchen. Es war dunkel im
Korridor und Birger erschrak, als plötzlich eine harsche Frauenstimme
fragte: "Was wollen sie hier? Frau Sörensen empfängt niemanden von der
Presse!." Plötzlich wurde es hell. Ein Ausruf des Erstaunens kam über
Birgers Lippen, als er Sonja, Elins langjährige Freundin erkannte.
"Birger, du?" Auch Sonja war verblüfft, als sie den Mann vor sich
erkannte. "Ja, ich, ich muss Elin unbedingt sprechen, es gibt so vieles,
was ich wissen muss. Ich glaubte zu träumen, als ich sie gestern auf der
Bühne sah.. . ich hatte ja keine Ahnung!" Sonja fasste sich
schnell wieder und lächelte:" Ich denke, Elin wird sich freuen. Aber
erst möchte ich mit Dir sprechen, bitte. Es ist soviel geschehen, Du
wirst vieles viel besser verstehen. Ich erwarte dich morgen nach dem
Konzert in unserem Hotel."
Birger verbrachte eine
schlaflose Nacht, und als er Sonja dann endlich gegenüber sass, war es
um seine Ruhe beinahe geschehen.
Auch Sonja fiel es sichtlich schwer die richtigen Worte zu finden. Erst
als sie Birgers Nervosität bemerkte, begann sie zögernd. " Ich weiss
nicht, wie ich anfangen soll, es ist so schwer und du wirst es
vielleicht auch nicht begreifen. Elin wollte dir dieses Wissen ersparen,
aber nun, wo du zurückgekommen bist...
Damals, kurz nachdem du nach Afrika gereist bist, hatte Elin einen
Autounfall. Sie erlitt schwere Kopfverletzungen und schwebte in
Lebensgefahr. Als sie dann endlich aus dem Koma erwachte, stellte sich
das Unfassliche heraus. Elin hatte das Augenlicht verloren. Durch den
Unfall waren ihre Sehnerven zerstört worden. Sie würde für den Rest
ihres Lebens blind bleiben." - "Nein", erschüttert sah Birger
Sonja an, "nein... blind... deshalb also..." Sonja nickte:" Ja,
deswegen. In diesem Augenblick reifte in Elin der Entschluss, dich frei
zu geben. Du solltest nicht ihretwegen deine eben begonnene Karriere
aufgeben, und dass Du das getan hättest, war ihr klar. Dein Leben sollte
nicht an eine blinde Frau gefesselt sein. Nichts konnte sie von diesem
Entschluss abbringen. Und dann war da Sven, der Freund ihres Vaters und
total verschuldet. Eine Heirat mit ihm würde ihm helfen und ihr einen
Freund zur Seite stellen. Er war und ist ihr eine Stütze in mancher
schweren Stunde, hat ihr geholfen, ihren Weg zu gehen und ihr Studium
wieder aufzunehmen. Ohne seine Aufmunterungen, sein Zureden und seinen
festen Glauben an sie, hätte sie vielleicht doch nicht die Kraft gehabt,
das zu werden, was sie heute ist. Es war ein harter Weg nach oben, denn
kein Mensch ahnt, dass Elin völlig blind ist und nur ihre Hände und ihr
eiserner Wille sie zu einer solchen Virtuosin machten. - Ich habe mit
ihr gesprochen. Elin erwartet dich morgen nach ihrem Konzert."
Birger war völlig
durcheinander. Deshalb also hatte sie ihn verlassen. Weil sie ihm nicht
hinderlich sein wollte, hatte sie sich geopfert. Ein Beweis ihrer Liebe,
wie er grösser wohl nicht sein konnte. Sie wollte ihm nicht im Wege
stehen, wollte, dass er weitermachte. Und sie hatte es geschafft! Seine
Bücher über Zoologie waren weltbekannt. Aber was war der Preis gewesen
dafür!
Langsam ging Elin in
ihrem Hotelzimmer hin und her. Heute würde Birger kommen, der Mann, den
sie nie aufgehört hatte zu lieben. Sie konnte es kaum fassen. Nach all
den Jahren, in denen sie geglaubt hatte, alles sei nur noch
Vergangenheit, musste sie feststellen, dass weder Birger, noch sie
vergessen hatte. Ganz in Gedanken versunken stand sie am Fenster und
hörte nicht mal, wie Sonja die Türe öffnete und Birger eintrat. "
Elin..." erst jetzt wandte sie sich um. "Birger, ich freue mich so! Wie
schön, deine Stimme zu hören."
Es gab Birger einen Stich ins Herz bei ihren Worten. " Mein Gott,"
durchfuhr es ihn, "so sehr hat sie sich mit ihrer Blindheit abgefunden!"
Er war befangen, ihre Ruhe überrascht ihn. Es war Elin, die das Eis
brach. Lange sprachen die beiden Menschen, die das Schicksal auf so
seltsame Weise voneinander getrennt hatte, miteinander. Zum Schluss
fasste sie ihn ganz fest an beiden Händen :" Ich bereue nichts. Es gibt
kein Zurück, Birger. Wir haben beide einen neuen Lebensinhalt gefunden.
Du Marianne, und ich," sie strich sich über ihre Hände, "ich meine
Musik. Wir sollten es so belassen und nicht an die Vergangenheit
anknüpfen wollen."
"Sie hat recht", dachte Birger, als er das Hotel verliess, "Man kann
nichts ungeschehen machen. Marianne verdanke ich viel. Dorthin gehöre
ich." Er trat in die nächste Telefonkabine und wählte Mariannes Nummer.
Als er ihre Stimme hörte, schaute er nochmals zum Hotel zurück, in
dessen Fenster eben das letzte Licht erlosch.
Elin, Gräfin Lehndorfs
Opfer, war nicht umsonst gewesen.
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