Gästebuch

Homepage von Su Walker

 

 
Home
Ich
Meine Werke
Kurzgeschichten
Gedichte
Janosch
Ayla
Gucci
Tyson
Katzen
Hunde
Links

 

Kurzgeschichten

 
 

 

1  Feu sacre
2  Der Abschiedsbrief
3  Der Leuchtturm
4  Wiedersehen
5  Vorabendgedanken
6  Sommertraum
7  Weg im Dunkel

 

 

 

Feu sacre

 

Noch lange nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, sass sie mit verschlungenen Händen auf dem Stuhl und blickte reglos vor sich hin. Einmal mehr war sie ihrer Tochter die Antwort schuldig geblieben..
Wie in Zeitlupe stand sie auf und ging zum Fenster, lehnte die heisse Stirn ans kühle Glas, und ihre Augen schweiften über die Herbstlandschaft, die sich hügelabwärts bis hinunter zum See in ihren leuchtensten Farben entfaltete. Aber sie sah sie nicht wirklich. Ihr Blick war tief nach innen gerichtet, bis auf den Grund ihrer Seele. Zum hundertsten Mal stellte sich sich die gleiche Frage, zum hundertsten Mal fand sie keine Antwort. Was also hätte sie ihrer Tochter entgegnen sollen.

Die Begegnung der letzten Nacht stieg in ihr auf, zauberte ein schmerzliches Lächeln auf ihre Lippen und warf einen Hauch von Röte auf ihre Wangen. Sie legte die linke Hand auf ihre Brust, und ihr war, als könnte sie die seine noch immer dort spüren.
Als hätte jemand die Spule in den Projektor gelegt, begann der Film vor ihr abzulaufen, und sie erinnerte sich an jedes kleinste Detail.

Sie hatte nach langer Zeit wieder ihm am Tisch gegenüber gesessen, nervös, wie beim ersten Mal. Brachte kaum ein Wort hervor und hätte doch soviel sagen wollen. Ein Gedanke jagte den anderen wie Wolken am Sturmhimmel. Sie sah nur seine Augen, seine Lippen, die Worte formten, sein Duft stieg ihr in die Nase, umnebelten klares Denken. Fest grub sie die Fingernägel in ihre Handballen, um zu verbergen, wie sehr ihre Hände zitterten. Vergebens...er kannte sie durch und durch, ihm entging nicht die leiseste Regung. Über den Tisch hinweg fasste er nach ihren Händen ,und um seinen Mund lag dasselbe Lächeln, dass sie von jeher in seinen Bann zog.

Sie blieben nicht sehr lange. Draussen auf dem Parkplatz wusste sie nicht, wie sie Adieu sagen sollte. Ihre Blicke saugen sich aneinander fest, sein Mund flüsterte, komm her, und eh sie etwas erwidern konnte, fühlte sie sich von seinen Armen umfangen und verlor sich in einem langen Kuss. Erst sanft und zärtlich, dann immer fordernder und leidenschaftlicher. Fast abrupt liess er sie los, öffnete die Autotür und sie stieg wie in Trance ein. Der schwarze Asphalt glitt m Eiltempo unter ihnen weg. Sie starrten beide geradeaus durch die Windschutzscheibe, wortlos jetzt, und in ihrem Bauch machte sich ein Kribbeln breit.

Immer noch stumm schloss er die Haustür auf und drehte den Schlüssel hinter sich um. Er nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und seine Frage war so leise, dass sie sie nur erahnte. Sie schlang die Arme um seinen Hals, drückte ihren Körper an seinen und langsam begann er sie zu küssen. Oh, sie wusste so genau, wie es war, dieses Feuer, dass auf sie übergriff, das jede Vernunft ausschaltete und nur noch nach Wasser lechzte! Er liess sie brennen, küsste sie, spielte mit ihrem Körper. Seine Finger wanderten an all die Stellen, die sie beide so gut kannten. Ihr Atem flog, sie umschlang ihn, als wollte sie hineinkriechen in die tiefsten Höhlen seines Seins. Sie bog sich ihm entgegen, gespannt wie eine Saite, und endlich, endlich nahm er Besitz von ihr. Er trug sie von Woge zu Woge, stachelte ihre Leidenschaft an, liess sie fühlen, wie sehr sie lebte hier und jetzt. Ihre weit offenen Augen liessen sich für keine Sekunde los. Gleichzeitig trieb die Lust sie dem Höhepunkt entgegen und entlud sich wie ein Gewitterregen über der von der Hitze verbrannten Landschaft.

Schwer atmend, auf schweissnassen Laken, mit ineinander verschlungenen Händen fanden sie sich wieder in der Wirklichkeit. Was geschehen war, war geschehen, auf das niemand das Warum solchen Begehrens begreife.

Spät nachts brachte er sie zurück zu ihrem Wagen, der nun einsam und verlassen auf dem leeren Parkplatz stand. Keiner fragte den andern nach dem nächsten Mal. Keiner wollte eine Antwort , die er vielleicht nicht hören wollte. Sie stieg ein und fuhr hinter ihm her bis er in die Richtung fuhr, aus der sie eben gekommen waren. Seine Schlusslichter verloren sich im Dunkel der Nacht, bis sie ganz verschwunden waren.


Sie stand immer noch am Fenster, erwachte nur zögernd aus der Versunkenheit, während die Bilder der bunten Herbstlandschaft draussen langsam in ihr Bewusstsein drangen.

 

______

 

 

Der Abschiedsbrief

 

Ein kalter, grauer Novembertag, wie es so viele gibt in London. Der feuchte  Nebel kennt keine Rücksicht, er dringt durch alle Kleider. Samantha empfindet ihn als klebrige, zudringliche Hand, die ihren Körper betastet. Trotz später Stunde ist sie noch draussen. Stumme Gewalt drängt sie durch das graue Einerlei, zwingt sie, schneller zu laufen. Der Brief in ihrer Hand brennt. Sie muss ihn loswerden, bevor sie es bereut.  Sie stolpert, erreicht den Kasten. Ein dumpfer Aufprall. Sam atmet auf. Lebwohl, denkt sie, lebwohl. Mein Weg wird nun ein anderer sein.

Lange liegt der Brief im Kasten. Er ist kalt und steif, so wie nun die Hand, die ihn geschrieben. Lange liegt er da, bis eine hagere Hand ihn greift und unbarmherzig seine weisse Hülle aufschlitzt. Er kann sich nicht einmal wehren, als man ihm das Herz aus dem Leibe reisst, das Herz, ein eng beschriebenes Blatt. Und ohne es zu wollen,  muss er sein Geheimnis offenbaren. - Und kalt und starr ist die Hand, die ihn geschrieben.

"Es ist gut, dass Du mich jetzt nicht fragen kannst, warum ich diese Zeilen schreibe. Ich wüsste keine Antwort. Dieser Brief ist ein Monolg. Vergiss ihn, verbrenn ihn, verstoss ihn, so wie mich! Frag nichts, denn ich weiss, dass ich die Kraft zum Lügen nicht mehr habe. Spar Dir Dein Mitleid. Ich will es nicht. Das ist das Ende. Du weisst es. Die Vergangenheit nimmt mich ganz in Anspruch, ich lege ihr Rechenschaft über die Gegenwart ab. Deutlicher als alles andere, empfinde ich das graue Einerlei der Tage und die Mühe, die es kostet, der Welt zugewandt zu bleiben, während das Herz oft beschliesst, sich zurückzuziehen. Du, Du hast mich verlassen! Mein Leben verrinnt. Ich höre die Stille Deiner Abwesenheit. Ich lausche auf sie., sie ängstigt mich nicht, sie fasziniert mich. Ich habe keinerlei Verlangen, sie zu unterbrechen. Der Schlaf wird kommen, in Hunderten von Nächten ist er gekommen, während ich Deiner Abwesenheit lauschte. Diesmal aber wird es ein anderer sein. An manchen Tagen weiss ich nicht mehr, ob Du Wirklichkeit gewesen bist. Dieses Glück und diese Schönheit, hat es sie gegeben -sind sie unsere tägliche Nahrung gewesen? Meine Gedanken weigern sich feste Gestalt anzunehmen, sie fliegen über die Vergangenheit hinweg, meiden alle Wichtigkeiten, verflüchtigen sich. Nur ein Traum und Asche sind mir geblieben, was war, entgleitet, und ich sehe wie die viel berufene Idealisierung eintritt. Ich sehe Dich und all das Glück. Die Wahrheit verschwindet, vermischt sich mit dem Traum. An ihre Stelle tritt nun die Verfälschung, jene Erinnerung, an der nichts Wirkliches mehr ist, das meiner Vorstellung widerspricht. Strahlender denn je und ohne Falsch ersteht Dein Bild in meinem Geiste. - So wird es auch Dir ergehen. Immer, immer wieder. Suche meine Spur, reisse mich aus dem Dunkel, Du findest mich nicht. Ich gehe, gehe wie ich gekommen bin, leise - leise. Es gibt keinen Triumph, nicht für mich....


Die Hand lässt den Brief sinken, krampft sich zusammen. Weiss treten die Knöchel hervor. - Die Flammen im Kamin züngeln. Sie locken :" Komm doch, komm!" Der Brief gleitet. Die Flammen umfangen ihn, liebkosen ihn, verschlingen ihn. Blutrot sind sie, die Flammen, sie frohlocken, triumphieren...

Brennende Augen starren ins Feuer. "Samantha, Samantah." Dahin die Worte, verweht die Asche. Das Feuer geht aus, stirbt, die Glut verlöscht. Kalt und dunkel ist die Welt und starr die Hand, die den Brief geschrieben.

 

__________

 
 

 

Der Leuchtturm

 

Weit weg von der Küste Spaniens, schon zu den Balearen gehörend, gibt es eine kleine Insel mit Namen Formentera. Heute ist sie ein Ferienziel für Touristen, doch damals war sie nur spärlich bewohnt. Die Menschen lebten von der mühsamen Salzgewinnung und der Fischerei.

Auf der einen Seite gleitet Formentera sanft ins Meer, und weit dehnen sich die silbernen Sandstrände. Am anderen Ende der Insel aber, auf dem Berge Mola, steht hoch auf den Klippen ein alter Leuchtturm. Stille herrscht um einen, nur der Wind singt sein leises Lied, begleitet vom Rauschender Wellen, wenn man oben auf der Terrasse steht. Weit unten schillert das Meer wie grüne Smaragde und deutlich zeichnen sich die Korallenriffe ab. Auf der linken Seite erstreckt sich ein Arm von zerklüfteten, ewig vom Wasser gepeitschten Felsen weit ins Meer hinaus. Der Gedanke, sich in diese kühlen Fluten stürzen zu lassen, um für immer diesem Zauberreich anzugehören, mag einem in mitten dieses Paradieses gar nicht mehr so absurd erscheinen.

Dieses Fleckchen Erde ist voller Romantik und Tragik, wenn man an die Legende dieses verwitterten Turmes glaubt.
Auf der Insel erzählt man sich nämlich eine Geschichte, deren Ursprung und Wahrheit niemand so genau kennt. Die Leute sind alt, Sonne und Wind haben die Erinnerung verwischt, und der Turm, das Wahrzeichen der Fischer, bleibt stumm.

Lange vor dem ersten Weltkrieg, so sagt man, war der Turm bewohnt und wurde bewacht von einer jungen Frau. Keiner wusste, woher sie stammte und warum der Turm ihr Zuhause wurde.  Die Fischer nannten sie Virginia, die Jungfrau, denn niemand kannte ihren wahren Namen. Selten nur liess sich die neue Wärterin unter den Menschen sehen. Man sagt allerdings, sie soll sehr schön gewesen sein. Jung und kräftig, mit Haar, blond wie Weizen und braungebrannt, wie die Insulaner.  Ihr Los war die Einsamkeit, die Arbeit auf dem Turm ihr Leben.

Doch eines Tages, wie mit einem Blitz, der die nächtliche Landschaft erhellt, wurde alles anders. Den zähen Pflanzen gleich, die lange unentdeckt bleiben, aber während einer Regennacht plötzlich aufspriessen und den Weg überwuchern, wuchs eine Liebe, dort, wo die Eintönigkeit des gleichmässigen Tagesablaufs das Herz täuscht, es glauben macht, dass sich nichts rühre, nichts entstehen könne.
Er hiess Paul und kam von der Küste Frankreichs. Von diesem Tag an sah man Virginia niemals allein. Stundenlang streiften die beiden durch die niedrigen, immergrünen Pinienwälder, erfrischten ihre heissen, von der Sonne braungebrannten Körper im wogenden Meer. Und Nachts, wenn das Mädchen ihr Licht übers Wasser blinken liess, wurde die kleine Turmkammer zu ihrem Paradies.

Doch dann brach der Krieg aus, wütete in der ganzen Welt, verwüstete Länder und forderte Opfer. Da bekam auch Paul seinen Einrufungsbefehl und musste die kleine Sonneninsel verlassen. Allein blieb Virginia zurück,  die Ungewissheit dessen, was geschehen würde,  und die brennende Sehnsucht in ihrem Herzen, liessen sie noch einsamer werden, als sie es vorher war. Selten nur erhielt sie eine Nachricht, einen Brief vom Geliebten über das Schreckliche, was er erlebte.

Eines Tages brachte das Postschiff von Ibiza ihr sein letztes Vermächtnis, ein kleines Päckchen mit einigen Andenken. Ein nie abgeschickter Brief, eine abgeschabte, mit Papieren angefüllte Brieftasche, ein Talisman, eine Armbanduhr mit zerbrochenem Glas, ein Feldtagebuch, ein Messer mit sechs Klingen, eine Pfeife samt Tabaksbeutel und schliesslich eine Locke von seinem schwarzen Haar.
Alles, was von ihrer Liebe, Ihrer Hoffnung und ihrer Zukunft geblieben war.

Sturm wogte draussen, und das tobende Meer warf seine schäumenden Wellen mit Gewalt, als wolle es den Turm aus seiner Verankerung reissen, gegen die Klippen. Bilder der Erinnerung stiegen in Virginia auf und Tränen verschleierten ihren Blick. Der Wind riss an ihrem Goldhaar, Regen peitschte ihr Gesicht, als sie, die wenigen Habseligkeiten ihres Geliebten fest an die Brust gedrückt, auf die Terrasse trat. Mit Leichtigkeit schwang sie sich über die schmale Brüstung. Ein Blitz erhellte für Sekunden die Nacht, als die mächtigen Wogen ihren schmalen Leib verschlangen und an den Klippen zerschellten.

Das ist die Geschichte, die die Fischer auf Formentera so gern den Fremden erzählen, und die einem das Herz mit Wehmut erfüllt, blickt man vom Turm hinunter ins unschuldige Smaragdgrün des Meeres.
Dort hat Virginia ihr Grab gefunden, am Fuss des Korallenriffs, im Paradies der Fische. Der Turm, einst Heimat ihres Glücks, ist ihr Kreuz, das Symbol einer Liebe, mit der der Tod sie für immer vereinte.

 

_____________

 
 

 

Wiedersehen

 
Avec le temps, tout s"en va et on n"aime plus. - Er sah auf das Foto in seiner Hand und dachte an den Sommer vor drei Jahren. Niemals - hatte er sich damals verteidigt. Niemals! Wenn es Liebe ist, gibt es kein Ende! Die Zeit heilt keine Wunden. Das ist nur eine barmherzige Lüge. Und jetzt?! Ausser einer inneren Leere und dem Gefühl versagt zu haben, war nichts geblieben. Arme Irina! Sie hatte es gewusst, aber er hatte ihr nicht glauben wollen.

Er hatte sie auf Ibiza kennen gelernt, und gleich zu Anfang war sie ihm aufgefallen. Vielleicht, weil er sich wunderte, dass sie allein war, oder es war ganz einfach ihre Art zu lächeln, die ihn faszinierte.
Erst hatten sie nur miteinander getanzt, dann zusammen gegessen und plötzlich waren sie unzertrennlich. Sie schwammen zusammen, sonnten sich und alberten herum. Genossen eine Zeit, die so unbeschwert und leicht schien, weit weg vom Alltag daheim.
Eines Abends blieb sie vor ihrer Zimmertür stehen. "Ich muss Dir etwas sagen, Christian." - "Ja!?", er blickte auf sie herab. Da erzählte sie ihm, dass es nur Zufall war, dass sie alleine hier war, dass zuhause ein Freund auf sie wartete.
"Wenn ich zurückgehe musst du dies hier vergessen. Ich will dir nicht weh tun und du musst selber entscheiden, ob du trotzdem heute Nacht bei mir bleiben willst."  -  Sie schaute ihn mit offenen, ruhigen Augen an, und er wusste, dass sie es ernst meinte. Er war geblieben - nicht nur jene Nacht. Und mit jedem Mal wurde ihm bewusster, wie sehr er sie liebte und wie sehr er auf ein Wunder hoffte. Doch sie würde gehen. Der Gedanke schmerzte. Warum nur, warum?! War denn für sie alles nur ein Spiel, war sie wirklich über jedes Gefühl erhaben? War er nur ein billiger Zeitvertrieb? Mit einem Mal zweifelte er an ihr. Und trotzdem, er wollte es weder glauben, noch hätte er aufhören können, sie zu lieben.

Und dann war sie fort! Er hörte noch ihre letzten Worte. " Du bedeutest mir viel, das musst Du mir glauben, aber ich kann nicht anders, es ist zu spät." Oh, und wie er glaubte! Er klammerte sich daran. Drei Jahre lang in denen er anfangs fast verzweifelte, in denen er tagtäglich an sie dachte. Dauernd fragte er sich, wo sie wohl sein mochte, ob sie glücklich war.
Aber schliesslich hatte sie doch recht behalten. Die Erinnerung begann zu verblassen. Ihr Gesicht verwischte vor seinen Augen und irgendwann hatte dann wohl auch seine Liebe aufgehört.....

Bis er sie heute morgen wieder gesehen hatte! In der Stadt - im Park - allein, mit einem kleinen Jungen an der Hand. Sie spazierte durch den frisch gefallenen Schnee und lachte, wenn der Kleine auf seinen ungeschickten Beinen hinpurzelte.

Christian war nach Hause gegangen und hatte ihr Bild hervorgesucht. Wie hatte er nur glauben können, vergessen zu haben! Die Erinnerung war eben so frisch, als wäre alles erst gestern geschehen! Alles war wieder da, ihr Lachen, ihre Stimme, ihre zärtlichen Hände, ja selbst ihren Duft konnte er verspüren!
Er ging wieder in den Park am nächsten Tag. Und da waren die beiden! Sie erkannte ihn sofort. Er dachte schon, sie würde davon laufen, aber dann blieb sie doch stehen. Er reichte ihr die Hand. "Irina" und plötzlich war alles so wie damals. Er bog sich zu dem Jungen hinunter. " Na, wer bist denn du?!" Einen quälenden Augenblick lang blieb es ruhig. Und dann - Irina wusste nicht, was sie bewog, ihr lang gehütetes Geheimnis preiszugeben - holte sie tief Atem und sagte kaum hörbar:" Das ist dein Sohn, Christian."
Ihm stockte der Atem. "Aber ....warum...." Sie schnitt ihm die Frage ab und schüttelte den Kopf. " Es ist nicht so, wie du denkst. Es gab keinen Grund, dir etwas zu sagen. Mein Freund und ich haben kurz nach meiner Rückkehr geheiratet. Er wusste nichts von Dir und mir und freute sich riesig auf das Baby. Warum also etwas zerstören?" - "Dann bist du also verheiratet, Irina, das dacht ich mir schon..." Wieder unterbrach sie ihn. Sie hielt den Kopf gesenkt und ihre Stimme zitterte " Mein Mann kam vor acht Monaten bei einem Autounfall ums Leben."

Christian war erschüttert. Er suchte nach Worten und fand keine. Er sah sie vor sich, als das lustige Mädchen, das sie gewesen und nun war aus ihr eine reife, stille Frau geworden.
"Hast du vergessen?", fragte er leise. Sie zeigte auf den Jungen. "Hätte ich das gekonnt?" - Christian streckte die Hand aus. " Kommt nach Hause, Irina."

Sie heirateten am Weihnachtsmorgen in einer kleinen Kapelle draussen auf dem Land....

______________

 

 
 

 

Vorabendgedanken

 
Die Glocke schrillte und weckte das Mädchen, das da im trüben Dämmerlicht in seinem Zimmer sass, aus seinen Träumen auf. Langsam erhob sich Sybille und strich sich mit einer müden Geste das Haar aus der Stirn. Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf und war verflogen, noch eh sie ihn erfasst hatte.
"Guten Abend, Vera," sie öffnete der Freundin die Tür, "schön, dass du mich heute nicht alleine lässt." - Wieder die Gedanken in ihrem Hirn. Sie seufzte.
"Was ist mit dir, Sybille, du siehst so müde und nachdenklich aus. Ich dachte, mich würde eine strahlende Frau erwarten, am Abend vor ihrem grossen Tag. Du bekommst doch nicht etwa kalte Füsse?!" - Sybille antwortete nicht. Erst als die beiden gemütlich beisammen sassen und warmes Kerzenlicht das Zimmer erhellte, sah sie die Freundin an.
Sie hob die Augenbrauen etwas, so als müsse sie erst studieren, bevor sie sprach. "Du hast ja recht, Vera, ich verstehe mich selbst nicht mehr. Es kam alles so plötzlich und nun bleibt mir nichts mehr zu tun. Es ist endgültig, ein Abschied für immer, von einem Teil meines Ichs. Diese Endgültigkeit kann ich nicht begreifen." -
Vera lächelte Sybille zu:" Ja, ja, und wenn du erst verheiratet bist, staunst du über deine Angst und der Himmel hängt voller Geigen." - Abwehrend schüttelte die andere den Kopf. "Nein, ich habe keine Angst. Ich weiss nur nicht mehr, ob ich das Richtige tue. Meine Träume und Illusionen - wo sind sie geblieben?! Ich weiss, es ist kindisch, aber man kann mich doch nicht einfach ändern. Ich kann nicht aus dieser Welt heraus. Ich bin gefangen darin wie ein Vogel im Käfig. Verfolgt von tausend Gedanken, nach einer Antwort suchend, die es nicht gibt." Resigniert vergrub sie das Gesicht in den Händen. Lange Zeit blieb es still, dann fragte Vera leise:" Meinst du damit, du machst einen Fehler und lässt die Hochzeit platzen?!"

Sybille sah auf und zuckte die Schultern. "Nein, es ist nicht das. Es ist - ich weiss nicht, ich kann es nicht erklären. Vielleicht weil man sein ganzes Leben nach etwas auf der Suche ist, das gar nicht existiert. Jene unbegründete Sehnsucht, die in uns die Ahnung aufkommen lässt, dass da drin," sie machte eine weit ausholende Gebärde, " irgendwo in der Tiefe, noch etwas verborgen sein könnte! Was sind wir anderes, als Oberfläche?! Hast du je versucht, die Decke wegzuziehen?! Jene innere Unrast, die mich treibt und treibt, stärker als ich. Ich fühle, wie ich dem Ziel  näher komme - zugleich wissend, dass ich es nie erreichen werde. Verzweiflung packt mich, ich hasse mich selber und möchte fort, einen Ausweg finden, anders leben...." Sie brach ab und sah zu Vera herüber. "Verstehst du das - es würde wieder beginnen, dort, wo es geendet hat. Rastlos, wie die Wellen des Meeres, das Kreisen der Erde. Angesicht dessen bleibt mein Verstand stumm. Ich weiss, ich tue vielleicht das Falsche und doch wähle ich keinen anderen Weg. Ach, es tut mir leid, Vera, ich hätte nicht so sprechen sollen. Es ist sinnlos jetzt."

"Ich glaube, ich weiss, was du meinst,"  es war zum ersten Mal, dass Vera etwas entgegnete, " die Vergangenheit - eine Erinnerung, die man aufzudecken versucht. Man jagt ihr nach, da ist etwas, von dem man glaubt, es schon einmal erlebt zu haben. Aber du kannst es nicht finden, es verflüchtigt sich immer wieder, weit, so weit... Und dann stehst du da und versuchst krampfhaft die Tatsache klar zu sehen, dich mit dem Gedanken abzufinden, dass du so verworren und unrealistisch bist. Und im selben Moment kommt sie wieder, jene vage Erinnerung, für die du keine Worte findest, sie auszudrücken. Es tut weh und du weisst nicht einmal, warum.  Es  ist immer das Gleiche und wenn es tausend mal andere Gestalt annimmt - immer bleibt sie, die Frage, ob es das jetzt gewesen sein soll."

Lange nachdem Vera gegangen war, lag Sybille noch wach im Bett. Sie lauschte der Stille. Sie konnte das Echo ihrer eigenen Gedanken im Zimmer hören. Ihr Pulsschlag raste, dröhnte in ihren Ohren wie Trommelwirbel. Von einer Seite zur anderen wälzte sie sich. " Ich will nicht, ich will doch gar nicht!" Bei diesem Gedanken zuckte sie zusammen. Plötzlich wurde ihr bewusst, wie absurd das war.  Natürlich wollte sie! Sie konnte sich ein Leben ohne ihn doch gar nicht mehr vorstellen. Nicht diese Leere, die bleiben würde....und doch - da war dieses Fieber, das sie nicht losliess. "

"Morgen", dachte sie, in einen unruhigen Schlaf gleitend, "morgen werde ich Ja sagen...."

 

                   ________________

 
 

 

Sommertraum

 

Heute weiss sie, dass es damals so hat sein sollen, heute, wo alles vorbei ist und nur noch als wehmütige Erinnerung in Carla weiterlebt. Wenn sie jetzt zurückdenkt, so  ist sie weit davon entfernt,  traurig zu sein. Nein, vielmehr ist sie glücklich, diese Erfahrung überhaupt gemacht zu haben.

Es begann irgendwann einmal an einem wunderschönen Sommerabend. Traumverloren schaute Carla in die blutrote Sonne, die langsam im grün schillernden Meer versank und  den Himmel glühen liess, bevor die Dämmerung hereinbrach.
Als er auf sie zukam, erschien er ihr fast wie ein Märchenprinz aus Tausend und einer Nacht. Schlank, gross und braungebrannt, mit dunklem Haar - ein Mann, wie sie ihn immer erträumt hatte.  Nun stand er vor ihr!! Sie wechselten nur wenige Worte miteinander, aber beide hatten sie das Gefühl, sich schon lange zu kennen.

Von diesem Abend an sahen sie sich jeden Tag. Schon bald merkte Carla, dass er ihr mehr bedeutete, als gut für sie war.
Oft machten sie lange Strandspaziergänge oder schwammen bis zur Erschöpfung im Meer. Dann lagen sie lachend und scherzend im Sand. Nie sprachen sie von Abschied, weil sie wussten, dass dies alles damit unwiederbringlich vorbei sein würde. Robert war nicht der Mensch, der Ferienbekanntschaften fortsetzte, und auch sie hatte nie viel von dieser Art des sich Kennenlernens gehalten.

Sie waren ganz einfach glücklich. Die heissen, sonnendurchglühten Tage gehörten ihnen ebenso,  wie die kühlen Nächte, in denen sie oft stundenlange Gespräche führten. Manchmal lagen sie auch nur im Sand und schauten in die ewigen Sterne. Ohne viel Worte verstanden sie sich. Ein sonderbares Gefühl hatte von ihnen Besitz ergriffen. Ein Zustand zwischen Tag und Traum, nicht wirklich, fern der Gegenwart, ähnlich einem Film, der in ihnen ablief.

"Du hast mich verzaubert", sagte Robert eines Tages zu ihr. "Kein Wunder", lachte sie, "weisst du nicht, dass ich eine Hexe bin?"  - Doch die Stunde, wo er gehen würde, kam immer näher. Eine ungewisse Traurigkeit lag über den letzten Tagen. Ein Wort von ihm hätte alles ändern können - doch er sprach es nicht aus. Wozu auch... er würde in sein Leben zurückkehren und für sie , Carla, war da kein Platz. Es gab keine Zukunft - nur Gegenwart.

Und dann eines Abends war es soweit. "Lebwohl, kleine Hexe, ich danke dir."
Es ging genauso zu Ende, wie es begonnen hatte, ungewiss und ohne viele Worte. Hand in Hand wanderten sie dem Strand entlang - ein letztes Mal. Dann standen sie sich stumm gegenüber. Carla schaute zu ihm auf und ihr wurde bewusst, wenn alles vergessen sein würde, dieser Augenblick würde ein Leben lang Bestand haben. In seinem Blick las sie das Begreifen darum, dass es nicht anders sein konnte. Sie würden sich nie wieder sehen. Monde und Jahre  würden vergehen und auf immer vergangen sein, aber dieser Moment würde ein Leben lang bestehen. Es war wie ein Traum, und so empfand sie es auch. Weit ab von dem, was wirklich geschehen war, verklang in der Ferne ein Lied von einem vergangenen Sommer. Langsam rannen zwei Tränen über ihre Wangen. Dann wandte sie sich ab und ging, ohne sich umzusehen, den Weg zurück.

______________

 

Weg im Dunkel

 
 
Brausend verklangen die letzten Töne der Orgel, als Sven und seine jung Frau Elin die Kirche verliessen. Auf der untersten Stufe strauchelte sie, und Sven musste sie stützen, sonst wäre sie gestürzt. Dankbar sah sie zu ihm auf und ein schmerzliches Lächeln verzerrte Elins schönen Mund. Sven drückte ihren Arm und half ihr dann vorsorglich in den bereitstehenden Wagen.

Stunden später stand Elin vor dem grossen Wandspiegel in dem pompösen Salon ihres neuen Heimes und starrte mit blicklosen Augen ihr Spiegelbild an. - "Elin", es war ihr Vater, der zärtlich ihren Namen rief. Heftig wandte sie sich zu ihm um. " Bin ich nicht schön, Vater, ich, seit heute Gräfin Lehndorf und die Frau, die Sven um alles in der Welt hat haben wollen? Nun hat er mich, ha, und welch gute Wahl er doch getroffen hat!" Jäh erstarb ihre Stimme und von wildem Schluchzen geschüttelt sank ihr Kopf gegen den Spiegel. Da nahm Graf Larson seine Tochter tröstend in die Arme und führte sie die geschwungene Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer. Den Elin, Gräfin Lehndorf, war blind.

Zersplitterte Hoffnungen, zerstörte Illusionen, das war alles, was ihr geblieben war. Seit jenem Unfall, der ihr das Augenlicht geraubt hatte, erschien ihr alles Erstrebenswerte verloren. Sie hatte auf das Glück verzichtet, weil sie nicht wollte, dass der Mann, den sie über alles liebte , auf seine Karriere verzichtete. Ihretwegen.  Und dann war Sven da gewesen, ein guter Freund ihres Vaters. Er hatte sie immer schon verehrt und wohl auch ihr Vermögen. Es ermöglichte ihm, sein hoch verschuldetes Märchenschloss nicht zu verlieren. Nein, aus Liebe hatte Elin bestimmt nicht geheiratet, aber Sven gab ihr Ruhe und Geborgenheit und die Möglichkeit ihren eigenen Weg zu finden. Sie wollte versuchen ihr Studium als Pianistin wieder aufzunehmen. Sie war zwar blind, aber in den schlanken Händen steckte noch immer die alte Kraft. Sie brauchte keine Augen, um ihre Finger den Weg über die weissen Tasten finden zu lassen und in ihrem leidenschaftlichen Spiel in eine andere Welt zu tauchen.

Zehn. Jahre waren seit damals vergangen. Aus Elin, Gräfin Lehndorf, war die berühmte Konzertpianistin Elin Sörensen geworden. Die Welt lag ihr zu Füssen, ihre Konzerte waren immer ausverkauft und das Publikum vergötterte sie. Wenn sie zu spielen begann, wurde es still. Ergriffen lauschten die Menschen ihrem kraftvollen Spiel, der Flut von Klängen, die unter ihren feinen Händen entsprang. Dass Elin blind war, wusste die Öffentlichkeit nicht und auch nicht, welche Energie es gekostet hatte, soweit zu kommen.
Es hatte manchen verzweifelten Augenblick gegeben, wo Elin, mutlos geworden, den Kampf beinahe aufgegeben hätte. Doch da war Sven gewesen, der ihr kameradschaftlich zur Seite gestanden und ihr immer wieder Mut gemacht hatte. Sie waren einander näher gekommen in diesen Jahren, aber Liebe war nie daraus geworden und jeder hatte sein eigenes Leben.

Und dann spielte Elin zum ersten Mal in München. Das Publikum war begeistert! Immer wieder musste sich Elin vor dem Flügel verbeugen und  tosender Beifall schlug ihr entgegen. Der Applaus dauerte auch noch an, als sie schon längst in ihrer Garderobe verschwunden war.
Nur ein Mann hatte sofort nach dem letzten Ton den Konzertsaal verlassen. Der Mann, der da so erregt und aufgewühlt war, hiess Birger von Merten. Der Name Elin Sörensen hatte eine alte Erinnerung in ihm wachgerufen. Und als er diese Frau dann sah, gab es keine Zweifel mehr. Die Pianistin war Elin, einst Komtess Larson, das Mädchen, dass er zu seiner Frau hatte machen wollen. Elin, seine Elin! Die Vergangenheit liess ihn nicht mehr los. Wahrend er durch das nächtliche München streifte, stiegen Bilder längst vergangener Zeiten vor ihm auf und ein Sturm von Gefühlen bemächtigte sich seiner.

Birger und Elin waren Nachbarskinder gewesen. Schon als ganz kleine Knirpse waren sie unzertrennlich gewesen. Sie wuchsen miteinander auf, besuchten die gleichen Schulen und gestalteten gemeinsam ihre Freizeit. Erst sein Studium als Zoologe trennte die beiden zum ersten Mal für längere Zeit. Als Birger aus den USA zurückkehrte war aus Elin eine junge Frau geworden. Aus der ehemaligen Freundschaft entstand eine tiefe, aufrichtige Liebe.
Kurz vor Elins zweiundzwanzigstem Geburtstag  reiste Birger nach Afrika, um eine wichtige Forschungsarbeit seines Professors zu beenden. Nach seiner Rückkehr in sechs Monaten wollten sie heiraten.
Und dann, nach einer längeren Schreibpause kam Elins Brief, nicht mal von Hand geschrieben! Mit wenigen sachlichen Worten zerstörte sie alle seine Träume von einer gemeinsamen Zukunft. Sie schrieb, sie hätte sich in einen anderen verliebt, wolle bald heiraten und es sei das Beste, wenn sie einander nie wieder sehen würden. Aus, vorbei! Was nützte es ihm, dass sie ihn um Verzeihung bat und ihm viel Glück für die Zukunft wünschte?! Mit Elin hatte er etwas verloren, was unwiederbringlich war.
Er war nie wieder heimgekehrt. Seine Forschungen hatten ihn von einem Ende der Welt zum anderen getrieben. Ruhe hatte er nirgends finden können. Bis zu dem Tag, als ihm Marianne begegnete. Sie wurde zum ruhenden Pol in seinem hektischen Leben, eine Insel in tobenden Meer.  Langsam verebbte sein Schmerz und der Schleier des Vergessens senkte sich über die Vergangenheit.

Und nun war er Elin wieder begegnet! Dieser Augenblick schien die vergangenen Jahre ausgelöscht zu haben. Er wollte sie sehen, sie sprechen, tausend Fragen stellen. Alles andere war unwichtig. Meilenweit weg war Marianne in dieser Nacht.
Am nächsten Abend sah man Birger wieder im Konzert. Anschliessend versuchte er Elin in ihrer Garderobe zu besuchen. Es war dunkel im Korridor und Birger erschrak, als plötzlich eine harsche Frauenstimme fragte: "Was wollen sie hier? Frau Sörensen empfängt niemanden von der Presse!." Plötzlich wurde es hell. Ein Ausruf des Erstaunens kam über Birgers Lippen, als er Sonja, Elins langjährige Freundin erkannte. "Birger, du?" Auch Sonja war verblüfft, als sie den Mann  vor sich erkannte. "Ja, ich, ich muss Elin unbedingt sprechen, es gibt so vieles, was ich wissen muss. Ich glaubte zu träumen, als ich sie gestern auf der Bühne sah.. .  ich hatte ja keine Ahnung!" Sonja fasste sich schnell wieder und lächelte:" Ich denke, Elin wird sich freuen. Aber erst möchte ich mit Dir sprechen, bitte. Es ist soviel geschehen, Du wirst vieles viel besser verstehen. Ich erwarte dich morgen nach dem Konzert in unserem Hotel."

Birger verbrachte eine schlaflose Nacht, und als er Sonja dann endlich gegenüber sass, war es um seine Ruhe beinahe geschehen.
Auch Sonja fiel es sichtlich schwer die richtigen Worte zu finden. Erst als sie Birgers Nervosität bemerkte, begann sie zögernd. " Ich weiss nicht, wie ich anfangen soll, es ist so schwer und du wirst es vielleicht auch nicht begreifen. Elin wollte dir dieses Wissen ersparen, aber nun, wo du zurückgekommen bist...
Damals, kurz nachdem du nach Afrika gereist bist, hatte Elin einen Autounfall. Sie erlitt schwere Kopfverletzungen und schwebte in Lebensgefahr. Als sie dann endlich aus dem Koma erwachte, stellte sich das Unfassliche heraus. Elin hatte das Augenlicht verloren. Durch den Unfall waren ihre Sehnerven zerstört worden. Sie würde für den Rest ihres Lebens blind bleiben."  - "Nein", erschüttert sah Birger Sonja an, "nein... blind... deshalb also..." Sonja nickte:" Ja, deswegen. In diesem Augenblick reifte in Elin der Entschluss, dich frei zu geben. Du solltest nicht ihretwegen deine eben begonnene Karriere aufgeben, und dass Du das getan hättest, war ihr klar. Dein Leben sollte nicht an eine blinde Frau gefesselt sein. Nichts konnte sie von diesem Entschluss abbringen. Und dann war da Sven, der Freund ihres Vaters und total verschuldet. Eine Heirat mit ihm würde ihm helfen und ihr einen Freund zur Seite stellen. Er war und ist ihr eine Stütze in mancher schweren Stunde, hat ihr geholfen, ihren Weg zu gehen und ihr Studium wieder aufzunehmen. Ohne seine Aufmunterungen, sein Zureden und seinen festen Glauben an sie, hätte sie vielleicht doch nicht die Kraft gehabt, das zu werden, was sie heute ist. Es war ein harter Weg nach oben, denn kein Mensch ahnt, dass Elin völlig blind ist und nur ihre Hände und ihr eiserner Wille sie zu einer solchen Virtuosin machten. - Ich habe mit ihr gesprochen. Elin erwartet dich morgen nach ihrem Konzert."

Birger war völlig durcheinander. Deshalb also hatte sie ihn verlassen. Weil sie ihm nicht hinderlich sein wollte, hatte sie sich geopfert. Ein Beweis ihrer Liebe, wie er grösser wohl nicht sein konnte. Sie wollte ihm nicht im Wege stehen, wollte, dass er weitermachte. Und sie hatte es geschafft! Seine Bücher über Zoologie waren weltbekannt. Aber was war der Preis gewesen dafür!

Langsam ging Elin in ihrem Hotelzimmer hin und her. Heute würde Birger kommen, der Mann, den sie nie aufgehört hatte zu lieben. Sie konnte es kaum fassen. Nach all den Jahren, in denen sie geglaubt hatte, alles sei nur noch Vergangenheit, musste sie feststellen, dass weder Birger, noch sie vergessen hatte. Ganz in Gedanken versunken stand sie am Fenster und hörte nicht mal, wie Sonja die Türe öffnete und Birger eintrat. " Elin..." erst jetzt wandte sie sich um. "Birger, ich freue mich so! Wie schön, deine Stimme zu hören."
Es gab Birger einen Stich ins Herz bei ihren Worten. " Mein Gott," durchfuhr es ihn, "so sehr hat sie sich mit ihrer Blindheit abgefunden!"
Er war befangen, ihre Ruhe überrascht ihn. Es war Elin, die das Eis brach. Lange sprachen die beiden Menschen, die das Schicksal auf so seltsame Weise voneinander getrennt hatte, miteinander. Zum Schluss fasste sie ihn ganz fest an beiden Händen :" Ich bereue nichts. Es gibt kein Zurück, Birger. Wir haben beide einen neuen Lebensinhalt gefunden. Du Marianne, und ich," sie strich sich über ihre Hände, "ich meine Musik. Wir sollten es so belassen und nicht an die Vergangenheit anknüpfen wollen."
"Sie hat recht", dachte Birger, als er das Hotel verliess, "Man kann nichts ungeschehen machen. Marianne verdanke ich viel. Dorthin gehöre ich." Er trat in die nächste Telefonkabine und wählte Mariannes Nummer. Als er ihre Stimme hörte, schaute er nochmals zum Hotel zurück, in dessen Fenster eben das letzte Licht erlosch.

Elin, Gräfin Lehndorfs Opfer, war nicht umsonst gewesen.

 

____________________

 
 
 

 

 


 Diese Homepage wurde erstellt von Franco